Andreas Grosz
Der Zwilling unter dem Kirschbaum

Erzählung

Fadengeheftete Klappenbroschur, 144 Seiten, 17.6 x 13.2 cm
Umschlag: Beatrice Maritz
ISBN 978-3-906061-02-3
28 Franken, 23 Euro
Ist am 19. September 2013 erschienen.
Leseprobe

»Selten ging ich durch die Stadt, ohne dass ich mir vorstellte, ich würde ihm begegnen. Wer weiß, ob er mich noch erkannt hätte. Ausgeschlossen war es nicht. Doch sehr wahrscheinlich hätte ich ihn nicht wiedererkannt, denn ich hatte ihn seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen.«
So beginnt die Erzählung Der Zwilling unter dem Kirschbaum von Andreas Grosz. In ihr erinnert sich ein Mann an ein Kind, dem er einst »eine Art Vater« war und das längst erwachsen ist, erinnert sich an die allmählich immer seltener gewordenen Begegnungen mit ihm, an seine ersten Wörter und Schritte, an die Zeit vor und nach der Geburt. Er zeichnet den langsamen Abschied von ihm nach und versucht dabei zu begreifen, dass ihm damals nichts anderes übrig blieb, als sich zurückzuziehen. Denn es war irgendwann von Pädophilie die Rede, von zu großer, von schädlicher Liebe, und unter dem Druck der Verhältnisse brach er die Beziehung zum Kind schließlich schweren Herzens ab.
Es sind genau, sorgfältig und mit feinem Pinsel geschilderte Erinnerungen, heitere und gleichzeitig schmerzliche Reminiszenzen. Alltägliche Tätigkeiten wie Winken oder Schaukeln, einfache Gegenstände wie ein Tisch oder ein Bonbon werden dabei wichtig und bedeutsam. In einer unübersichtlichen, schwer durchschaubaren Wirklichkeit schenken sie Halt – dem Protagonisten ebenso wie der Leserin und dem Leser. Weitere Orientierungshilfen bietet die Erzählung bis zum überraschenden Schluss nicht.
Fragen nach der Bedeutung von Vaterschaft, nach der Verantwortung einem Kind gegenüber und nach dessen Eigenständigkeit werden zwar eindringlich gestellt, aber nicht beantwortet.

»›Aber das ist doch pädophil‹, meint der Verleger zu Beat, dem unglücklichen Helden dieser Erzählung, der nichts anderes möchte, als das Kind zu sehen, das er eine Zeitlang großzog. Auch die Mutter des Kindes wirft ihrem Ex-Freund vor, den Jungen zu sehr zu lieben: ›Das schadet meinem Sohn.‹ Der Psychologe hingegen hält Beat schlicht für einen Feigling, der sich seiner Pflicht entziehen will.
Andreas Grosz erzählt eine ganz und gar heutige Geschichte. Beat und Jeannette, die sich beide ein Kind wünschten, waren sich nicht treu. Während Beat sich in Frank verliebt, hat Jeanette mit Spiros geschlafen. Bis zur Geburt bleibt ungewiss, wer der wirkliche Vater des Kindes ist. Der Lebemann Spiros möchte seine Vaterrolle lieber nicht annehmen, der »falsche« Vater Beat schon. Plötzlich entdeckt er eine ganz andere Liebe, die Liebe zu dem Kind, das ihm mehr und mehr entzogen wird.
Andreas Grosz gelingt in seiner durch die Erinnerung Beats mäandernden Erzählung Der Zwilling unter dem Kirschbaum ein lakonisch-poetisches Kammerstück von tiefem Ernst und beklemmender Komik, vor allem aber die anrührende Geschichte um ein voller Zartheit und Sehnsucht beschriebenes Kind.«
Jan Koneffke

»Mit Der Zwilling unter dem Kirschbaum ist dem Autor etwas gelungen, was man in der Gegenwartsliteratur selten antrifft: eine anrührende, aufrichtige Hommage an ein Kind.«Thomas Heimgartner

»In seiner Erzählung Der Zwilling unter dem Kirschbaum gibt Andreas Grosz einem Mann die Stimme, der erst nach der Geburt seines Kindes erfährt, dass er nicht sein Vater ist – und der ein paar Jahre lang diese Rolle dennoch spielt, bis die Mutter des Kindes die Nähe nicht mehr zulässt. [...] Andreas Grosz schreibt eine behutsame Sprache und findet einen anrührenden und doch nicht sentimentalen Ton für die Liebe Beats zu Lionel. Eine Zuneigung, die ins Leere läuft, die unerfüllte Sehnsucht nach Nähe und Zusammengehörigkeit geben die Grundstimmung vor. Im Hintergrund ist dies eine Geschichte darüber, wem ein Kind ›gehört‹ und wie sich das Ich durch seine Rolle in der Gesellschaft definiert.«
Urs Bugmann in der »Neuen Luzerner Zeitung« vom 2. November 2013

»Diese Geschichte, die so leicht in Gefühligkeit kippen könnte, entwickelt Andreas Grosz mit deutlicher Disziplin, und so besteht er eine heikle Gratwanderung. Es entwickelt sich ein fast lautloses Drama, dessen Trauer im ruhigen Fluss der Erzählung gebändigt wird, aber gleichwohl spürbar bleibt. Über vier Textteile hinweg folgen wir der Geschichte verwickelter Beziehungen, dem Aufkeimen väterlich besorgter Gefühle, auch wenn keine wirkliche Vaterschaft vorliegt: ›In dieser Zeit kam ich nachts oftmals in diesen Park, um zu Lionels zwei Fenstern hinüberzublicken und in seiner Nähe zu sein. Wenn das rote Nachtlicht brannte, das ihm beim Einschlalen half, ihm die Furcht nahm, ihn beruhigte und bewachte, wusste ich, dass er in seinem Bettchen lag, schlief, kurz: am Leben war.‹ Doch lässt sich der Verlust dieser Beziehung zwischen einem Mann und einem Kind nicht aufhalten. In Beat lebt jahrelang eine Sehnsucht weiter. Lesend hofft man, dass sich doch noch eine günstige Wendung ergeben möge, gibt sich dieser merkwürdig vibrierenden Spannung hin, die der Erzählmodus erzeugt: Andreas Grosz führt die Ereignisse der Vergangenheit beinahe in Zeitlupentempo vor und schafft damit Raum für beklemmende Empfindungen.
Immer wieder steigt die bange Ahnung auf, im nächsten Moment könnte etwas Bedrohliches geschehen, das die Geschichte auf den Kopf stellt. Tatsächlich hängt ein gravierender Vorwurf in der Luft, den Jeannettes Verleger äussert, nämlich der Verdacht auf pädophile Gefühle, die Beat für Lionel hege. Auch hier zeigt sich Andreas Grosz als souveräner Erzähler, der ruhig den emotionalen Spuren und Bezeugungen nachgeht und die Entscheidung den Lesenden überlässt, die indessen die Haltlosigkeit der Vorwürfe erkennen können. Am Ende dieser schönen und verhaltenen Erzählung stellt sich dafür die Gewissheit ein, dass Begriffe wie Väterlichkeit nicht an biologische Gegebenheiten gebunden sind, sondern frei walten können.«
Beatrice Eichmann-Leutenegger in der »Neuen Zürcher Zeitung« vom 28. Januar 2014

»Die Gechichte beginnt mit einem scheinbar einfachen, aber skandalträchtigen Konflikt, wie man ihn fast täglich in der Zeitung findet: Dem Ich-Erzähler wird vorgeworfen, pädophil zu sein, weil er ein Kind liebt. In den folgenden Rückblenden wird jedoch immer klarer, warum diese Einschätzung daneben trifft.[…] Der Protagonist hat es sich nie leicht gemacht, wie er selbst zugibt. Das offenbart sich dem Leser von den ersten Seiten an. Mit zunehmender Akribie positioniert der Erzähler seine Erinnerungen in Jahres-, Wochen- und Stundenangaben und lässt damit anklingen, dass er seine Gefühle in ein Korsett von Zahlen zwängen muss, um sie mitteilbar zu machen. Die Beklemmung, die er empfindet, drängt sich auch dem Leser auf.«
Susanne Mathies in der Schweizer Literaturzeitschrift »orte«, Nr. 178

»Eine berührende Geschichte über Zuneigung, verwickelte Beziehungen und Verantwortungsgefühl, die nie ins Pathetische abdriftet.«
Silvia Stocker in der »Surseer Woche« vom 9. Oktober 2014


Der Autor
Andreas Grosz