Dieter Zwicky
Slugo

Ein Privatflughafengedicht

Fadengeheftete Klappenbroschur, 160 Seiten, 17.6 x 13.2 cm
Umschlag: Martina von Schulthess
ISBN 978-3-906061-03-0
28 Franken, 23 Euro
Ist am 10. Oktober 2013 erschienen
Leseprobe

»Bei Dieter Zwickys ›Privatflughafengedicht‹ Slugo hat man es, unter anderem, mit einem strikt eingezäunten Gelände zu tun, ausgestattet mit allem Nötigen, das die hierorts gepflegte Aviatik ermöglicht. Ein kochtüchtiger Ich-Erzähler und seine Frau Judith, ihres Zeichens Moorbotanikerin, bilden die Achse des Geschehens, flankiert vom näselnden Sohn Geoffrey, zwei ehemaligen Stewards, dem schleckmäuligen Bauer Robert samt dessen verschollenem Bruder Jean und etlichem übrigem Personal. So weit, so übersichtlich. Doch aufgepasst! Dieser Flughafen wird privat betrieben, will sagen: Da wuchert ein Einziger mit einem ansehnlichen Pfund Eigentum, das die ganze Welt umspannt. Im Nu gelangt man nach Sète, Nordirland, Jakarta oder ins Rheinland, aber auch das ominöse Wirken der Spinnen und Entenflöhe erfährt gebührende Beachtung. Im Grunde genommen wird vor allem der mikro- und makrokosmische Wildwuchs der Sprache erkundet, und zu solchem Behuf dient dem Autor eine überschwängliche Ausdrucks- und Gestaltungskraft. Handlungsreisende mögen vor diesen verbalen Turbulenzen verzagen und alle Hoffnung fahrenlassen. Abenteuerlich disponierte Leser werden sich dem verwegenen Flugkünstler gerne anvertrauen und seinen Kapriolen und Volten Satz für Satz ein unvergleichliches Vergnügen abgewinnen.«
Werner Morlang

»Um das Keimen, aber auch um das Verblühen von Liebe, um das vertrackte Spiel von Ferne und Nähe, das Auflösen von Grenzen jedweder Art, das Verflechten, das furchtlose Kombinieren und beglückende Lückenschlagen – davon zeugt Dieter Zwickys neuster Band, Slugo – Ein Privatflughafengedicht. Und was dabei herauskommt, ist eine Poesie der befreiendsten Art. Fast so, als werde man selber zu einer Art Flugkörper, der plötzlich auf der Startbahn steht, der beschleunigt, der über den Asphalt rollt und abhebt und dann Kurs nimmt auf eine Destination, die jenseits des Horizonts liegt.
[…]
Was Dieter Zwickys Schreiben, was schließlich sein Denken auszeichnet, ist die Fähigkeit, sich der inneren und der äußeren Welt auf eine Art zu nähern, die – um auf die Begrifflichkeit der Aviatik zurückzukommen – auch unseren Luftraum und unseren Horizont ausdehnt und erweitert ...«

Rolf Hermann

»Ein Flughafengelände, hangarartig aneinandergelehnte Gebäude, jenseits des Maschenzauns ein kleines Moorgebiet: So wenig braucht Dieter Zwicky, um in seinem neuen Buch flugs eine Parallelwelt aufzubauen. [...] Dabei ereignen sich Worteruptionen, wie sie zwischen Buchdeckeln nur noch selten zu lesen sind. Ihr achtsamer Verweser Zwicky zeigt im Luftraum, der sich über Begriffen öffnet, wie viel Irritationspotenzial unsere alltäglichsten Abschweifungen bergen. Aus Assoziations- werden ihm unentwegt Dissoziationsketten, seine Sprache misst Möglichkeitsräume aus und gerät dabei so weit ins Abseits, wie es nur irgend geht. [...] Was ist das Wesen der Dichtung? Soll sie darstellen, was der phantasiebegabte Leser sich selbst ausmalen kann? Gegen diese Forderung schreibt Dieter Zwicky auch in seinem mittlerweile vierten Prosaband kraftvoll an. Prosa? Die Gattungsbezeichnung des Untertitels kommt nicht von ungefähr, denn der Autor nimmt für seine Epik die klanglich-assoziativen Freiheiten der Lyrik in Anspruch, ohne ihren erzählerischen Gestus aufzugeben. [...] Dieter Zwickys Sprache wundert sich in einem fort über sich selbst, bleibt diesem Verwundern gegenüber aber schweigsam. Früher hätte man vielleicht gesagt: Seine Dichtung hütet ihr Geheimnis. Heute möchte man meinen: Ein Autor, der um seine Schwierigkeit kein Aufhebens macht, ist noch immer zu entdecken.«
Michel Mettler in der »Neuen Zürcher Zeitung« vom 29. Oktober 2013

»Antonin Artauds Diktum, wonach alles ›haargenau in eine tobende Ordnung‹ zu bringen sei, passt haargenau auch auf Dieter Zwicky Prosa. Sein jüngstes Buch Slugo – Ein Privatflughafengedicht winkt schon mit einem Titel, der in Rätseln spricht und sein Geheimnis vielleicht, vielleicht am Ende sogar preisgibt. [...]
Und die Handlung? Vor einer handfesten Beschreibung versagt der gute Wille, denn Dieter Zwicky geht es nicht darum, eine Geschichte herzuerzählen, die Anfang und Ende hätte. Viel lieber formuliert er mit Akkuratesse geradezu mustergültige, formvollendete Sätze, die er virtuos in Nebensätze ausufern lässt und mit poetischem Leichtsinn auflädt, der alle vorgefassten Bedeutungen auflockert und unterminiert.
›Ich staune: wie ein kurzer Hauptsatz über Jean sich umgehend verformt, erweitert, verästelt, verzweigt, sich zu Ahnungen eines Geheimnisses weitet!‹
Der Begriff Un-Sinn ließe sich darauf anwenden, doch nicht im Sinn von Irrtum und Blödsinn, sondern als kreative Verneinung der gängigen Denkgewohnheiten in den üblichen Satzschlaufen. [...]
Aufhebungen, Verschiebungen, Abdriften drücken Zwickys Prosa ihren Stempel auf. Sie erzählt von einer ›geschichteten Welt und Wirklichkeit‹.
›Jean kam ganz ohne den Hang aus, die Distanz zwischen zwei Gedanken zu verringern.
Ein Satz, ein Pflock, so ungefähr.
Totholz schlägt keine Wurzeln zum nächsten Satz, so ungefähr.‹
Das ist launig und wunderlich zu lesen, die eine oder andere längeratmige Stelle mitbedacht. Es öffnet die Sinne für die vielen Zungen, mit denen wir sprechen. Doch man sollte sich nichts vormachen. Wo herkömmliche Erzählungen die Lektüre tragen und auch mal eine kleine Absenz auffangen, verliert hier den Faden, wer einen Satz aussetzt. Dieter Zwicky ruft nach hellwachen Lesern und Leserinnen. Die Müden werden abgehängt, wer aber seinen Kapriolen folgt, wird intuitiv auf unerfindliche Territorien geführt. Sprache ist eben mehr, als was wir daraus machen.«

Beat Mazenauer in »Viceversa Literatur«, 14. November 2013
(Eine leicht gekürzte und veränderte Fassung dieser Rezension ist auch in »041–Das Kulturmagazin«, Dezember 2013, erschienen.)

»Die Frage nach einer vergleichbaren ›stofflichen‹ Essenz von Welt, Wahrnehmung und Sprache beschäftigte Dieter Zwicky schon in seinem 2002 erschienenen ersten Buch. Der Schwan, die Ratte in mir lautete der Titel der Sammlung von lyrischer Kurzprosa; als ›Buchwunder‹ feierte die einschlägige Kritik das Debüt des damals 45-Jährigen. In all den äußerst sinnlichen Meditationen etwa über die verheerende Schönheit von verirrten Brieftauben und höhnisch gestimmten Gartenzwergen zeigte sich eine Imaginationskraft, die als absolut einzigartig wahrgenommen wurde. Ob man es mit Sur- oder gar Pararealismus zu tun hatte, ließ sich nicht schlüssig beantworten; dasselbe galt auch für die nachfolgenden Bücher, mit denen Zwicky seine Position als exorbitanter, sich jeder simplen Enigmatik enthaltender Wortkünstler zu festigen vermochte.
Dem Befund, Zwicky schreibe außerhalb aller herkömmlichen Raster, begegnet der Autor nun mit der Etablierung eines neuen Genres. Als Privatflughafengedicht deklariert er sein Buch. Was es damit auf sich hat, wird schon im ersten Absatz deutlich – und wie! ›Judith, das Essen ist fertig! / Ich rufe so froh, so frisch, weil ich auf dem Flughafen koche.‹ Man liest solches beinah schaudernd vor Freude, hier aber soll vorerst Inhaltliches zur Sprache kommen, mit einem Blick auf Dieter Zwickys Personal. Es ist Bodenpersonal in jedem Sinn des Wortes. Es setzt sich – auch wo man ab und an ›in Dreierkolonne‹ auf dem Dach des Hangars zu stehen meint – aus gerade mal zwei Leuten zusammen: dem erzählenden Koch und seiner Frau Judith. [...] Die Zeit vertreiben sie sich [...] mit allerlei Betrachtungen über die Tier und Pflanzenwelt des Areals, mit der Frage, ob sich ein Wort wie ›hochwirksam‹ träumen lässt – und mit dem Verzehr von ›Slugo-Crackers‹.
Womit wir beim Buchtitel und der Frage wären, was ›Slugo‹, so es denn mehr wäre als bloß eine Art Jokerwort, sein und bedeuten könnte. Es bleibt lange offen; erst gegen Schluss des Buchs gibt der Koch seiner Erkenntnis Ausdruck, dass das Wort ›kraft seiner Kürze von seinem Gehalt eigentümlich ablenkt‹. Nach einem denkbar knapp gehaltenen Exkurs zum Begriff ›Verkürzung‹ wird er konkreter: ›Slugo versteckt sich, es schiebt Schottland vor, Scotland. Slugo nimmt sich einen Fjord und steckt Scotland direkt ans spitze Fjordende: Slugo. / Oder kanadische Waffeln. / Oder kanadisches Süssbrot, in das mittels Einwegpipetten vitamintechnisch wertvolle Lachssekrete eingespritzt worden sind.‹
Das ist nicht in irgendeine überinstrumentierte Beliebigkeit durchgesackte Metaphorik, das ist Zwicky-Sound in Vollendung und damit so etwas wie Klartext pur. Gleichwohl sieht man sich, als kritischer Leser und Agent eines Vermittlungsauftrags, herausgefordert, ›Slugo‹, dem Wort wie der damit bezeichneten Sache, auf den Grund zu gehen. Wenn man weiß, dass Zwicky in Theologie ebenso bewandert ist wie in philosophischen Fragen, bietet sich zuallererst eine allegorische Lesart an. Darin könnte Slugo als erste und eigentliche Ursubstanz der Materie gesehen werden, als etwas, was dem innersten Kern der Schöpfung Masse und Bestand verleiht. Eine mindestens ebenso plausible Interpretation ergibt sich aus der Recherche im Netz, wo das Wort als Name einer Firma auftaucht, die ›alternative‹ Bauklötzchen für Drei- bis Sechsjährige anbietet.
In beiden Versionen bestätigt sich der Eindruck, dass Dieter Zwicky seinen Flugplatz als geschütztes, vollständig separiertes Spielfeld angelegt hat, als Sperrbezirk im Grunde, in welchem endlich einmal alles möglich werden darf, Betonung auf möglich. So kann er denn auf das, was man gemeinhin Handlung nennt, großzügig verzichten. Er beschränkt sich auf die Entfaltung eines Settings. In einer ingeniösen Dramaturgie vielfältig geschichteter Zeitverläufe hält er sich vorzugsweise an ein selbstvergessenes Abschweifen, in welchem ›Slugo‹ als essenzieller blinder Fleck alles Sagbaren Gestalt annimmt.‹«

Bruno Steiger in »Bücher am Sonntag« vom 24. November 2013

»Ein Flughafen ist in aller Regel kein poetisches Gelände. Doch Dieter Zwick wählt ihn zum Schauplatz einer Erzählung, die keine Erzählung ist, eines Gedichts, das kein Gedicht ist. Es ist ein erzählendes Gedicht, eine lyrische Erzählung, die sich mit Anklängen und Andeutungen über einem fantastischen Grund entfaltet, der sich immer wieder dann entzieht, wenn man genauer hinsehen, sich auf seine Tragfähigkeit verlassen will.
Der Autor ist ein Meister darin, seinen Lesern den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Das geschieht nicht zu seinem Unglück, im Gegenteil: Im Bodenlosen weitet sich ins unbegrenzt Freie aus, was die Erzählfäden anlegen, die Wortbilder herbeizitieren.
Dazu passt das Flugfeld, der Ort des Weggehens und Fortfliegens, der Freiheit von Erdenschwere und Bodenhaftung. [...]
Dieses Privatflughafengedicht bietet eine überaus vergnügliche Lektüre und verblüfft immer wieder mit seinen thematischen Ab- und Ausschweifungen, unerwarteten Verknüpfungen und erweist sich als höchst anregende Aufforderung, die wahre Realität nicht draußen vor dem Fenster, sondern drinnen in den Wörtern und in den weiten Feldern der Fantasie zu suchen.
Nicht dass vollkommen unwirklich wäre, was Dieter Zwicky mit seinen Sätzen erzählt und mit lyrischen Anklängen und Verheißungen heraufbeschwört. Das Irreale ist bei ihm nur über das Reale zu erreichen – erst im Weggleiten erschließt sich die Sphäre des Unwahrscheinlichen und Erdachten.
Manchmal ist das Irreale auch bloß eine Verkleidung des Realen, eine Maskierung durch eine besondere Sprache oder den unüblichen Gebrauch der gewöhnlichen Wörter und Sätze: ›Es entstand, in erschreckend klassischer Ausprägung, das, was menschliche Sozialintelligenz ein Loch zwischen zwei Individuen nennen würde.‹ Das klingt nach Wissenschaftsjargon, hintertreibt solche Redeweise aber gleichzeitig durch die unsinnige Anwendung. [...]
Dieter Zwicky legt ein kunstreiches Buch voller Poesie und Einfälle vor, ein sprachartistisches Werk, das mit Form und Inhalt gleichermaßen spielt. [...]
Wer sich den Wirbeln überlässt, federt leicht über Tiefen und Untiefen hinweg und liest ein Kleinod sprachverliebter und sprachkundiger Artistik.«
Urs Bugmann in der »Neuen Luzerner Zeitung« vom 14. Januar 2014

»Narrative Lyrik ist ein altes Genre. Vom ›Buch der Könige‹ aus dem Alten Testament über die Epen Homers bis zu den Ritterromanen aus dem Mittelalter widmet sich das Epos in der Regel Aufstieg und Fall von Weltreichen sowie Heldenerzählungen.
Doch gibt es lyrische Narration auch noch heutzutage. […]
›Slugo‹ ist ein überzeugendes Kleinstepos über das Leben im modernen Globotop, wo man überall und nirgends ist, […] ein Gedicht, das durch sprachliche Flugturbulenzen navigiert, das abhebt, dennoch berührt und auch amüsiert: ›Ich sang. Ich sang: Trilalla.‹«
Johanna Lier in der »Wochenzeitung« vom 22. Mai 2014

»Slugo, ein Privatflughafengedicht, nennt sich eine literarische Zumutung, allerdings eine jener Art, die man begeistert weiterempfiehlt. Ein Text, ebenso assoziativ wie aberwitzig, wortschöpfend, sinnlich. Rätselhaft klingt schon der Titel, der sich irgendwo zwischen Sugo – es kommt in der Geschichte ein Koch vor – und Sligo – auch Irland spielt im Text eine Rolle – bewegt. Dies sind jedoch nichts als notdürftige und letztlich sinnlose Erklärungsversuche. Das Rätselhafte ist gewollt und Ausdeutungen sind überflüssig. Denn: Dieter Zwicky ist mit Slugo ein Werk gelungen, das von der ersten bis zur letzten Seite Lesefreuden bereitet. […] Prosa, Lyrik, Reiseliteratur? Es macht wenig Sinn, das sogenannte Privatflughafengedicht einem literarischen Genre zuteilen zu wollen. Solche Dinge mögen eine Buchhandlung beschäftigen, die genau wissen will, in welchem Regal ein Buch stehen muss. Der Autor schert sich zum Glück einen Deut um solche Kategorien.«
Jolanda Fäh in der Schweizer Literaturzeitschrift »orte«, Nr. 178

»Dieser Autor [...] fliegt [...] die abenteuerlichsten Volten der literarischen Schweiz, misst aberhelvetische Möglichkeitsräume aus und lässt sich immer wieder lustvoll ins Abseits gleiten.«
Michel Mettler in der »Aargauer Zeitung« vom 4. Juli 2015

Interview von Gregor Szyndler mit Dieter Zwicky in »zeitnah.ch«

Der Autor
Dieter Zwicky