Werner Schmidt

Lioba Happel
land ohne land

Gedichte

Fadengeheftete Broschur, 84 Seiten, 17.6 x 13.2 cm
Schutzumschlag: Werner Schmidt (Schrift von Lioba Happel)
ISBN 978-3-9523273-5-7
28 Franken, 17 Euro
Mai 2009
Leseprobe

land ohne land ist Lioba Happels vierter Gedichtband, nach vers reim und wecker, Grüne Nachmittage und Der Schlaf überm Eis.

 

»Zu den Gedichten von Lioba Happel

Das ist der erste Eindruck: Weite auf engem Raum, mal geringeres und mal größeres Wortaufkommen, stets hohe Wortnutzungskapazität, reizvolle Kippbildhaftigkeit aus überraschendem Wechsel von Nähe und Distanz, nicht nachlassende Dialogbereitschaft.
Die Gedichte offerieren trotz vermeintlicher Knappheit keine beschaulichen Sentenzen. Stattdessen erinnern sie daran und führen immer wieder vor, dass jedes Wort zählt und dass alles, auch das Beiläufigste, auf Worte angewiesen bleibt und ständig im Werden ist, ständig im Fluss.
Beständig und im Fluss, beides. Hartnäckig und aufgelöst. Greifbar und nicht zu greifen. Das gibt allem eine Offenheit, die oft erst auf den zweiten Blick als solche erkannt werden kann und die immer wieder einlädt zum Lesen, Nachlesen, Nachprüfen. Bis man merkt: Lioba Happels Gedichte schaffen Klarheit durch Nachsicht allem Uneindeutigen gegenüber, und sie geben diese als Forderung an die Lesenden weiter. Sie tun das auf sehr präzise Weise, oft in kühl montierten Szenen und in schnell zuschnappenden Bildern, die der Logik der Sprache mehr zutrauen als jener der durch sie besprochenen Welt.
Beispielsweise kommt in diesen Gedichten der Verlust eines Menschen zur Sprache – und zu lesen ist, dass beides, der Mensch und der Verlust, durch Sprache nicht wettzumachen, noch nicht einmal zu beschreiben ist. Es gibt kein Entkommen, verloren ist verloren. Allenfalls gibt es eine Erträglichkeit, und diese entsteht durch die Gewissheit, dass dort, wo das Gedicht nicht mehr weiter weiß, alles schon gesagt ist.
land ohne land: darin ist jedes Wort ein Schritt auf etwas zu, das Halt verspricht und nicht länger hält als das Wort.«
Martin Zingg

 

»Elektroschock-Blues

Für anderthalb Jahrzehnte schien die Dichterin Lioba Happel fast aus der Literatur verschwunden zu sein. Mit den Bänden ›Grüne Nachmittage‹ und ›Der Schlaf überm Eis‹, 1993 und 1995 bei Suhrkamp erschienen, war sie eine sehr hörbare Stimme der deutschen Lyrik geworden. Und nach dem selbstironischen Bildungsroman »Ein Hut wie Saturn« galt sie auch als talentierte Erzählerin. Danach ließ sie sich nur noch sporadisch vernehmen. Jetzt ist Lioba Happel wieder da, als sei sie gar nicht weg gewesen. Mit dem Gedichtband ›land ohne land‹ schreibt sie genau da weiter, wo sie damals aufgehört hat. Und auf einmal hat man wieder diesen irritierend schönen Sound im Ohr, diesen Mix aus romantischen Reminiszenzen und sehr gegenwärtigen Alltagserfahrungen, jähem Pathos und lapidarer Selbstdistanz. Wieder geht es hinab in die ungewissen Zwischenwelten von Schlaf und Traum, aus denen gespenstische Kindheitserinnerungen aufsteigen, Fragmente von Liebeskatastrophen und visionäre Landschaften. Mythenzauber und Märchenmotive flackern im Licht des ›knall / roten / elektro / schock / mohns‹. Vom Balancieren an den Rändern des Lebens ist die Rede, von Schwindel, Stürzen und der überraschten Dankbarkeit »für einen letzten glücklichen Tag«. Und jedesmal werden die träumerischen Ausschweifungen aufgefangen durch die unaufdringlich rhythmisierten, manchmal bis zur Härte elliptischen Verse. Es ist der vertraute Sound einer eigensinnigen Dichterin; beim Wiederhören bemerkt man, wie man ihn vermisst hatte.«
Heinrich Detering in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«

 

»Wenn man den Band der brechtschen ›Mutter Courage‹ aus dem Haus Suhrkamp hinten, beim Verlagsprogramm, aufschlägt, dann findet man bereits dort zum Titel ›Grüne Nachmittage‹ ihren Namen: Lioba Happel. Jüngst hat die Lyrikerin und Erzählerin ihren Wohnsitz, zusätzlich zu Lausanne, im Fichtelgebirge genommen, in Schirnding. Parallel dazu hat die edition pudelundpinscher den vierten Lyrikband der fränkischen Autorin, die 1957 in Aschaffenburg zur Welt kam, herausgebracht: ›land ohne land‹.
›Darin ist jedes Wort ein Schritt auf etwas zu, das Halt verspricht und nicht länger hält als das Wort‹, schreibt Martin Zingg einleitend. Das macht gespannt. Und die Spannung wächst, wenn man die ersten der etwa sechzig Gedichte liest. Ihre Botschaft ist offen, sie erweitern den Horizont, indem sie andeuten, Konturen umreißen. So schicken sie den Leser hinaus ins Weite, ins Land der vielen, verschwimmenden Möglichkeiten. Das Jean-Paul-Wort ›Sprachkürze gibt Denkweite‹ trifft voll auf diese lyrischen Miniaturen zu, die in kleinsten Chiffren versuchen, fast Unsagbares in wenigen Worten festzuhalten, den Augenblick zum Verweilen zu bringen, sei er nun schön, bedrohlich oder traurig. ›land ohne land‹: Das ist eine Welt hinter der Welt, die sich der objektiven Wahrnehmung entzieht. Immerhin können Wege gewiesen werden: Den ersten Schritt dorthin, oder ein paar Schritte mehr, kann das Wort vermitteln.«
Hartwig Küspert in der »Frankenpost«

 

»Lioba Happels Werk ist schmal. 1989 machte die 1957 im fränkischen Aschaffenburg geborene Autorin bei Suhrkamp mit dem Gedichtband Grüne Nachmittage auf sich aufmerksam, 1991 folgte die Erzählung Ein Hut wie Saturn. Doch nach einem weiteren Gedichtband, Der Schlaf überm Eis (Schöffling, 1995) wurde es schon wieder still um die begabte, eigenwillige Autorin, die inzwischen hauptsächlich in Lausanne lebt. Fast fünfzehn Jahre sollten verstreichen bis zu ihrem neuen Gedichtband, land ohne land. Der Ton ist indes unverkennbar der gleiche geblieben: Romantische Phantasien treffen auf Alltagsszenen, stark rhythmisierte Langgedichte wechseln ab mit enigmatischen Vers- und Gedankensplittern. Im Schlaf und in Tagträumen steigen Erinnerungen auf, deuten sich Glück und Liebesleid an. Keine leichte Lektüre, aber eine auf inspirierende Weise irritierende und ergiebige.«
Manfred Papst in »Bücher am Sonntag« (»NZZ am Sonntag«)

 

Wilhelm Pauli in »Kommune«:
»Es zeigt sich im ganzen Neuerscheinungsreigen, dass unsere Poeten und Poetinnen, sofern sie sich nicht gänzlich in die Natur verrannt haben, nach wir vor zitternde Seismografen seelischsozialer Zustände sind. Da kommt zum Beispiel ein Gedicht daher, das so somnambul zart und tieftraurig die Schande anweht, dass ich nicht weiß, ob ich mich täusche. Vor Monaten hätte ichs vielleicht anders gelesen. Der Wörter Gespinste erwecken Gespenste. Sehet selbst. Es ist von Lioba Happel (geb. 1957), die wir vor Jahren hier sehr mochten, die so gefährlich zerrissen und wund sich entwickelte, dass wir uns ängstigten, die dann mir (auch anderen) über Jahre völlig entschwunden war und jetzt mit einem schmalen Band in der allem Anschein nach pfundigen Schweizer Edition »pudelundpinscher« mit land ohne land wieder auftauchte, ernst, liebestrüb oder -skeptisch, verlustgesättigt, einmal auch manisch aufjauchzend: »akazien akazien wie lebe ich gern / wie springe ich gern nach dem nächst besten wort ...« und alles in entschlackter, durchscheinender Sprache und Setzung. Rein. Ja rein. Und wie gesagt das:

wollen wir einen spaziergang machen
fragt er nimmt das kind an die hand

geht davon zwischen bäumen verschwindet
sein riechendes fleisch

das kind sagt er sei
vor vielen jahren verstorben

und lange noch winkend
da fällt sie herab die

wie schnee weisse hand
zurück bleibt das kind

auf einem baum stumpf sitzt es
im zimmer und schweigt«

 

Virgilio Masciadri in »orte. Schweizer Literaturzeitschrift«:
»lyrik schlug auf / die kante des abends

Es ist eine erstaunliche Fülle von poetischen Farben, mit denen Lioba Happel in ihrem vierten Lyrikband spielt: Das Wörter zersetzende Sprachexperiment stellt sie dem Erproben traditioneller Reimformen gegenüber, bald arbeitet sie mit dem technischen Sprachgut der Gegenwart (co2 und so weiter / applaus für ein bisschen chemie linguistik), bald erkundet sie den Klangzauber geradezu klassisch anmutender poetischer Wendungen (mitternachtsbläuender / hell bellender stern / akazien arkadien wie lebe ich gern), dann wieder tritt ironisch Spielerisches neben eine Auseinandersetzung mit den existentiellen Erfahrungen von Trauer und Tod, wie sie der eindrückliche Zyklus so masslos führt. Doch wie breit auch immer die Klaviatur der Autorin wird, es gelingt ihr, die Einheit des Tonfalls zu wahren, all ihren Texten einen geschlossenen poetischen Charakter aufzuprägen. Die rigorose, nur an wenigen Stellen vielleicht zu spürbare Sorgfalt ihrer Sprachgestaltung trägt dazu ebenso bei wie die sprachkritische Reflexion, welche die Poesie hier überall begleitet und vertieft. Beide erlauben es der 1957 in Aschaffenburg geborenen, in Lausanne und Schirnding lebenden Autorin, den lyrisch weit schwingenden Vers ebenso zu meistern wie das pointierte, klug zum Widerspruch herausfordernde Epigramm:

jetzt brennt es
grösser wird das licht

erzähl mir nicht
man könne über liebe reden«

 

Die Autorin:
Lioba Happel