Anne-Lise Grobéty, Um im Februar zu sterben

Anne-Lise Grobéty
Um im Februar zu sterben
Roman

Fadengeheftete Klappenbroschur, 164 Seiten, 17.6 x 13.2 cm
Umschlagbild: Eric Bachmann
Aus dem Französischen von Andreas Grosz
Mit Fotografien von Eric Bachmann
und einem Interview von Ilse Heim-Winter mit der Autorin
ISBN 978-3-906061-08-5
28 Franken, 23 Euro
Juni 2016
Leseprobe

Um im Februar zu sterben von Anne-Lise Grobéty gehört zu den 30 Kandidaten der diesjährigen Hotlist.
www.hotlist-online.com

Die Geschichte lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Die 18-jährige Studentin Aude begegnet der vielleicht 35-jährigen Gabrielle, einer gebildeten, schönen, geheimnisvollen Frau. Sie ist Schauspielerin, Inhaberin eines Antiquariats, Belgierin, Jüdin, ist geschieden, alleinstehend. Und sie nimmt sich der jungen Frau an, die gegen die enge kleinbürgerliche Welt ihrer Familie rebelliert und in der doppelt so alten Frau eine lockende und tröstliche Gegenwelt verkörpert sieht: »Du bist die Mutter, die ich mir so sehr gewünscht hatte.« Doch in ihrer Umgebung wird diese Beziehung mit Argwohn und offener Ablehnung zur Kenntnis genommen. Es kommt zum Bruch.
Ein autobiografischer Roman? Nein. »Es ist alles wahr – außer der Geschichte«, so brachte es die Autorin einst auf den Punkt.
Was an diesem superben Début einer jugendlichen Autorin – Anne-Lise Grobéty schrieb den Roman im Alter von 18 Jahren – fast noch mehr beeindruckt als die zarte Geschichte, ist die genaue, an den Vorbildern des Nouveau Roman geschulte, suggestive, mitreißende Sprache. S. Corinna Bille, die eigentliche Entdeckerin dieser Schriftstellerin, schrieb seinerzeit: »Dieser Roman scheint aus einem einzigen Satz zu bestehen.«

»Eine Sensation der Schweizer Literaturgeschichte ist wieder da: ›Um im Februar zu sterben‹, der Erstling von Anne-Lise Grobéty.
Zu einem Kultbuch rückte dieser Text auf, als er 1970 unter dem Titel ›Pour mourir en février‹ erschien und bereits ein Jahr später auch in deutscher Übersetzung vorlag. Ein literarisches Wunder war geschehen, denn die Autorin Anne-Lise Grobéty, 1949 in La Chaux-de-Fonds geboren, hatte den Roman mit achtzehn Jahren geschrieben und gleich einen unverwechselbaren Ton angeschlagen.
Wie so viele ließ sich auch der 1958 in Luzern geborene und heute als Autor und Verleger tätige Andreas Grosz von der fließenden, lyrisch getönten Sprache faszinieren. Der Fünfzehnjährige las damals das Buch gleich mehrmals, und die Liebe zu diesem Text hielt an, sodass er nun eine Neuübersetzung gewagt hat, die den Rhythmus und das Strömen der Sprache zu wahren weiß. Leser von einst werden sich wieder an erregte Lektürestunden erinnern, Neueinsteiger werden in die Gefühlswelt der 68er-Generation und in die Mentalitätsgeschichte der späten Sechzigerjahre eintauchen. So wird das mit Fotos von Eric Bachmann und einem Interview Ilse Heims mit der Autorin ausgestattete Buch zum kostbaren Schatz.«
Beatrice Eichmann-Leutenegger in »Der Bund« vom 17. Juni 2016

»Mit diesem Roman brachte Anne-Lise Grobéty, die als Kind einer Arbeiterfamilie in La Chaux-de-Fonds geboren wurde, als Studentin nach Neuenburg kam und dort als junge SP-Politikerin neun Jahre lang im Kantonsparlament saß, einen neuen Ton in die Westschweizer Literatur. Zärtlich und radikal zugleich war er, ungeschminkt und weiblich. Stilistisch kommt die Autorin vor allem vom Nouveau Roman her. Ihre Begabung bewies sie abermals mit ›Zéro positif‹ (1975) und ›Infiniment plus‹ (1989). Andreas Grosz hat ihren grandiosen Erstling nicht nur ausgegraben, sondern auch neu und sehr gut übersetzt. Chapeau!«
Manfred Papst in der »NZZ am Sonntag« vom 19. Juni 2016

»Anne-Lise Grobétys Debüt erregte 1970 Aufsehen, weil sie die Nöte ihrer Heldin mit frecher, frischer Direktheit zur Sprache brachte. Offenkundig kümmerte sich hier eine sehr junge Autorin wenig um Konventionen. Ihr Buch sprüht nur so vor hochfliegendem Ungestüm.
In einem Interview mit der Zeitschrift ›Annabelle‹ gab sie 1971 zu Protokoll, dass sie das Buch während der sechswöchigen Universitätsferien geschrieben habe, als spontane Reaktion auf eine Preisausschreibung. Dieser Elan ist dem Buch gut anzumerken, wie eine weitere Aussage belegt: ›Ich gehöre nicht zu den Schriftstellern, die über einer Seite leiden, es ist ein Glückszustand – eine Droge.‹
Ihre Heldin aber krümmt und duckt sich unter den gesellschaftlichen Tabus, die ihr diktiert werden und ihr das freie Atmen rauben. In Ich-Form beschreibt Aude ihre schwankenden Gefühle zwischen Auflehnung und Ohnmacht. Dass sie es mit jugendlicher Inbrunst tut, ist die Stärke dieses Buches.
›Um im Februar zu sterben‹ brennt von zwei Seiten her. Das Feuer wird einerseits genährt durch die sich vertiefende Freundschaft mit Gabrielle, die Aude vor der Düsternis rettet. Andererseits brennt sich die glimmende Verzweiflung über den abrupten Bruch vom Ende her durch den Text.
Heute neu gelesen kann der Roman nicht ganz verhehlen, dass in ihm der Geist der 1960er Jahr weht. Das Ungestüm aber, mit der hier eine junge Frau von ihrer Unsicherheit und ihren Bedürfnissen nach Geborgenheit erzählt, bleibt noch immer spürbar – auch in der neuen Übersetzung von Andreas Grosz.«

Beat Mazenauer für den »Schweizer Feuilleton-Dienst (SFD)«

»Mit der Beschreibung einer Antiheldin, deren Focus ausschließlich um die eigene Wahrnehmung kreist, knüpft die Autorin Anne-Lise Grobéty an eine traditionell erwachsene Adoleszenzliteratur an, die bei Goethes ›Werther‹ beginnt, die Krise eines bürgerlichen Subjekts in nordeuropäischen und anglo-amerikanischen Sprachraum durchläuft und sich schließlich in einer aufbegehrenden Jugendliteratur diverser Kulturkreise der achtziger Jahre etabliert. Die Protagonistin kämpft nicht, sondern rebelliert bestenfalls gegen Konventionen innerhalb der eigenen Familie. Es sind keine politischen Querelen, denen sie sich widersetzt, sondern die aufkeimende Sexualität, die sie nicht einzuschätzen weiß. Neben den Gefühlen für einen männlichen Studienkollegen wächst in Aude eine Faszination für die körperlich und intellektuell deutlich reifere Gabrielle, wobei deren Präferenzen im Dunkeln bleiben. Aude beschreibt ihre Emotionen rückwirkend mit den Worten: ›Gabrielle […] du warst meine Art, Leben zu lernen, und es ist wichtig, dass man leben lernt, wichtig, dass man lachen lernt, oder nicht?‹.
Einfühlsam und mit makelloser Brillanz zeichnet Grobéty eine heranwachsende Figur, die ihr sehr vertraut zu sein scheint. Deren Rebellion gegen das Establishment schreibt sie sich zwar nicht auf die Fahne, bringt sie jedoch buchstäblich in den Aufbau der Erzählung mit ein. Die Protagonistin verliert sich im Alltag und taucht regelmäßig in ihren ganz persönlichen Rahmen ab – die Autorin arbeitet mit einem individuellen, teilweise gewöhnungsbedürftigen Gefüge aus Drucksatz, Sprache und Syntax.
Entstanden ist bereits in den frühen siebziger Jahren ein sensibles semantisches Kunstwerk, das Jahrzehnte nach seiner Ersterscheinung auf Französisch den Weg in den deutschsprachigen Buchmarkt gefunden hat. Aus ihm strahlt zeitlose Schönheit, die Freunde des psychologischen (Frauen-)Romans nachhaltig begeistert.«

Simone Klein, »Nie Fisch und noch nicht Fleisch – Eine westschweizerische Autorentochter schreibt sich frei« in BERG.LINK
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»Eine wahre Trouvaille ist dieser kleine Roman, eine Entdeckung für jene, die Anne-Lise Grobéty noch nicht kennen, eine große Freude für alle deutschsprachigen Leserinnen und Leser, die Grobétys Romane lieben und nun endlich wieder Zugang zu einem Text der viel zu früh verstorbenen Westschweizer Autorin (1949–2010) haben. Denn im Handel gibt es keinen ihrer übersetzten Romane mehr zu kaufen, zu finden sind nur einige wenige Restexemplare antiquarisch.
[…]
Der kleine Roman hat auch heute nichts von seiner Kraft verloren. Das liegt in der kunstvollen Art des Schreibens, die Anne-Lise Grobéty bereits zu ihrer Zeit als eine Autorin auszeichnete, die ihrer Zeit weit voraus war, und die weibliches Erzählen zu ihrer Hauptsache machte. Dem Übersetzer Andreas Grosz ist es gelungen, dieses Erzählen auch im Deutschen wiederzugeben. Seine Sprache ist leicht, fließend, sein Deutsch ist weit entfernt von dem Spröden, was unserer Sprache oft anhaftet. Er lässt die Geschichte, die nicht chronologisch erzählt wird, wachsen, mäandernd, umkreisend. Grobéty setzt eine genaue Sprache ein, die keine Erklärungen kennt, die auch die zeitlichen Abfolgen aufbricht, ein Nebeneinander, was sich auch in der Zeichensetzung – es gibt keinen Punkt – zeigt. Aude schreibt sich an jenem 17. Februar ihren Schmerz nach dem Bruch mit Gabrielle nicht vom Leib, sondern in den Körper hinein, die tiefe Freundschaft, die sie während weniger Monate erlebt hatte und die durchaus Verliebtheit und erotische Momente umfasste, wird zur unauslöschlichen Erfahrung, lustvoll und schmerzvoll. Was die damalige Jugend laut und kompromisslos auf die Straße trug – Widerstand gegen das bourgeoise Denken, gegen Prüderie –, hat Anne-Lise Grobéty mit wenigen Strichen sprachmächtig auf Papier gebracht, aus der Perspektive einer jungen, autonom denkenden Frau.«

Liliane Studer auf »viceversaliteratur.ch«

»Zur Absetzbewegung einer Jugendlichen vom Mief der Zeit gehört der heiße Kampf. Dem Text ist die Aufgeregtheit eingeschrieben, zum eigenen Ich zu finden gegen alle Widerstände von außen. Heute werden wir den Roman weniger als radikal, aber als unendlich traurig auffassen.«
Anton Thuswaldner in den »Salzburger Nachrichten« vom 7. November 2016
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Die Autorin
Anne-Lise Grobéty