Vera Schindler-Wunderlich
Dies ist ein Abstandszimmer im Freien

Gedichte

Fadengeheftete Broschur, 100 Seiten, 17.6 x 13.2 cm
Schutzumschlag: Ferdinand Arnold
ISBN 978-3-906061-00-9
28 Franken, 23 Euro
Ist am 27. Oktober 2012 erschienen
Leseprobe

SCHWEIZER LITERATURPREIS 2014


»Cast a cold eye, on life, on death, horseman, pass bye!
(William Butler Yeats)

Auf Anhieb treten sie heraus aus dem eifrigen Parlando der gegenwärtigen Lyrik: sie bleiben positioniert, die Gedichte der Vera Schindler-Wunderlich. Weite Horizonte, phantastische Meere, Himmelserkundungen, submarine und erdverbundene Sammelsurien stürzen ins Logbuch der Schreiberin. Ihre Belange verschiffen ausgehorchte Worte in einen Strom von Sprache – mehrspartig, farbhörig, spielbar. Vom uralt Mythischen bis ins Alleralltäglichste – alles kann hier hineingeraten in den Fluss, dessen Lottiefe von dieser Sprech-Sängerin genau ausgemessen wird.
Dies ist ein Abstandszimmer im Freien. Vera Schindler-Wunderlich hat das Auge einer Dichterin, das Abstandsauge; sie ist eine im wahrsten Sinne des Wortes nach Strich und Faden, nach Komma und Semikolon versierte Protokollführerin. Erinnern und Schönheit liegen im Auge der Betrachterin und manchmal spiegelt sich in feiner Ironie die Welt zurück. Ich falle Jahrtausende. – Antike wie Amtsstube; Biblisches wie Beziehungsbewandtnis; Messianisches wie Morgendliches Beginnen – diese Lyrikerin lässt sich aufschreiben von der Komplexität ihres Bewusstseins, hinein in eine barocke Fülle scheinbar leichtläufig gewordener Dinge; die weben ein großes Loch zusammen; das ist das Loch, in dem wir denken. Plötzlich auch von dort unten, – jahrhundertelang hieß das de profundis – gelingt ihr eines der für mich überraschendsten Gedichte dieses Buches: das überaus erstaunliche Ich knüpfe mich an dich.
Ein reiches Protokoll voller Entdeckungen, Wendungen; eine Tages- und Nachtmeerfahrt, die in ihrem phantastischen Mut – und in ihrer Gelehrtheit, Klugheit, gedanklichen wie sprachlichen Präzision – heftig erfreut.
Cast a cold eye – weniger Dichtergottstrenge waltet im Auge dieser Poetin; bisweilen auch blickt es – hohe Kunst ihrer Lyrik! –: freundlich.«
Lioba Happel

Die Rede, die Lioba Happel anlässlich der Buchpräsentation hielt, auf Theo Breuers Blog

»Vera Schindler-Wunderlich ist … Meisterin einer musikalischen Sprache, die den Drive eines Shakespeare-Sonnets, Fragmente aus Homers ›Ilias‹, Luthers ›Tischreden‹ und der ›Apostelgeschichte‹ souverän verkuppelt. (...) In der Schweiz lebend, erfreut sie sich an … Begriffen wie ›Abstandszimmer‹, [ein Begriff,] der auch im Titel ihres jüngsten Gedichtbandes zu finden ist: ›Dies ist ein Abstandszimmer im Freien‹. Daraus liest sie nicht nur, sondern erläutert intertextuelle Bezüge und gibt ein bisschen Einblick in die literarischen, geistesgeschichtlichen Zutaten …« Leonore Welzin im »Lauffener Boten«

»Das Abstandszimmer eröffnet den Lesern ein wunderbares Abstandszimmer, das gleichzeitig von jener feinstrukturierten permeablen Haut geschützt wird, die gute Gedichte gegen den Blablastrom aufspannen – und dabei dennoch offen bleibt für weite Ausblicke.
Besonders intensiv ist im ersten Teil des Buchs die Dringlichkeit des Sprechens (Sprechen-Müssens) zu spüren, wo das Ungenießbare und Unbeantwortbare – Gewalt und Ignoranz, zwischenmenschliche Differenzen, sogenannte ›Gesellschaftskrankheiten‹ – angefasst werden, auch und grade weil sie ans Nicht-Fassbare, Ungeheuerliche grenzen.
Eindringlich zeigt hier z.B. die immer wieder auftauchende Er-Figur eine Verschiebung der Wahrnehmung im Alter und den Versuch, in einem zerfallenden Universum durch Kombinatorik und selbstgeschaffene Ordnungssysteme ›ganz‹ zu bleiben.
Die Sprache der Gedichte spielt elegant mit verschiedenen sinnstiftenden Modellen. Mit ihren Wort-Architekturen und Zahlenreihen lässt sie immer auch wieder den Rand des Sprechbaren aufschimmern: Bis dahin reicht das, aber dann ... Und selten (im Sinn von ›unhäufig‹ und ›wunderbar‹) gibt es Anlehnungen an christliche Motive.
Auch die Übersetzungen des Partnerlebens, seiner Kippmomente und Neigungswinkel, sind fein beobachtet, studiert sozusagen. Mit ihrer ebenso reichhaltigen wie präzisen Sprache stellt Vera Schindler-Wunderlich hier Intimität her, ohne sie dabei auszustellen.
Schließlich wird beim Lesen auch die Lust geweckt, sich den Lautverschiebungen hinzugeben, die einen oft schwung- und klangvoll in eine neue Wende des Denkens tragen.«
Karin Fellner (Autorin, Lektorin)

»Genuin und gelehrt kommen die Gedichte von Vera Schindler-Wunderlich daher: vor allem aber schwungvoll. Rhythmus und Treffsicherheit prägen ihre Verse; sie erzählen Geschichten, die uns wie Bilder- und Worträtsel begegnen. Zeichen und Wunder. Solche Rätsel wollen aufgeschlüsselt sein. Nach und nach geben sie Teile von Sinn preis, voller Ernst und – auch – Humor. Sprachspiel und Sprachkritik verfliessen in der Musik dieser Lyrik. Das›Abstandszimmer im Freien‹, von dem aus sie singt und spricht, schwebt inmitten der jahrtausendealten heutigen Welt. Im Kosmos, samt seinen Planeten und unserem Alltag.« Eidgenössische Literaturjury

»Der Gedichtband, aus dem Vera Schindler-Wunderlich heute liest: Dies ist ein Abstandszimmer im Freien, ist ihr Debüt als Lyrikerin – und gleich mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet?
Sie staunen – aber Vera Schindler-Wunderlich ist seit Jahren als Lyrikerin in Erscheinung getreten, hat unter anderem Mehrfach im Jahrbuch der Lyrik publiziert und sie war Redaktorin der Literaturzeitschrift orte.
Sie werden nicht mehr über die Auszeichnung staunen, wenn Vera Schindler-Wunderlichs Texte gehört haben: Hier ist jemand mit allen literarischen Wassern gewaschen, ohne sich hinter Gelehrsamkeit und Verweisen zu verstecken. Hier nimmt sich jemand den unfassbaren Augenblick vor, ohne den alles andere verschwindet. Es gibt nicht das Prinzip hinter den Gedichten von Vera Schindler-Wunderlich. Ausser vielleicht, dass sie alles, was Poesie vermag – Klang, Rhythmus, Bilder- und Worträtsel – zur Hand hat.«

Franco Supino (29. Mai 2014, Eröffnung der 36. Solothurner Literaturtage)

»… Gedichte, die virtuos und forsch politisches Geschehen mit literarischen Reminiszenzen verbinden, die ihre Motive aus dem Alltag wie aus den imaginären Räumen gleichermassen gewinnen.«
Roman Bucheli in der »Neuen Zürcher Zeitung«

Rudolf Bussmann in der Tages-Woche über ein Gedicht von Vera Schindler-Wunderlich

Vera Schindler-Wunderlich zu Gast im Gymnasium am Münsterplatz, Basel

Die Autorin:
Vera Schindler-Wunderlich

 

Übrigens: Vera Schindler-Wunderlich und
der Kontrabassist Patrick Kessler bieten ein
Programm aus lyrischen Texten und musikalischer
Improvisation an. Alles Weitere hier!